Internationaler Frauentag 2024: Christin Löhner hält Rede in Singen am Hohentwiel

Rede unseres Bundesvorstandsmitglieds Christin Löhner zum Internationalen Frauentag am 08. März 2024 auf einer Kundgebung in Singen am Hohentwiel (Bodensee)

Für all diejenigen, die nicht dabei sein konnten, gibt es hier die Rede von Christin noch einmal zum Nachlesen: 

Mein Name ist Christin Löhner und ich bin eine Frau mit transgeschlechtlicher Vergangenheit. Man kann auch sagen, eine Frau ohne Menstruationshintergrund.

 

Oh ja! Ich höre sehr gut, wie ihr wieder lacht.

 

Ich bin eine Frau, die vor vielen Jahren mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen ist und diesen Umstand, diesen Geburtsfehler mit vielen schweren Operationen hat korrigieren lassen.

 

Ihr werdet euch nun vielleicht fragen, wie ich als transgeschlechtliche Frau, als trans Frau dazu komme, am heutigen Internationalen Frauenkampftag hier eine Rede zu halten?

 

Viele von Euch werden nun sagen, eine trans Frau, eine Transe, ein offensichtlicher Kerl in Frauenklamotten hat nicht das Recht, hier irgendetwas zu sagen.

 

Schließlich sind wir trans Frauen es ja, die sich nur als Frauen verkleiden um uns leichter an Frauen heranmachen zu können, ist es nicht so?

 

Jedenfalls ist das wohl die Meinung von Vielen hier und auch anderswo.

 

Nun, ich wurde darum gebeten hier etwas zu sagen. Und tatsächlich nicht einmal zum Ersten Mal.

 

Denn trotzdem ich sicher vor langer Zeit mal männlich sozialisiert wurde und eine Weile in der Rolle des Mannes gelebt habe, bin ich eine Frau.

 

Auch trotz meiner überaus männlichen Stimme, bin ich eine Frau.

 

Auch trotzdem ich etwas größer und breiter bin als anderen Frauen, bin ich eine Frau.

 

Das habe ich sogar als Hochrichterlichen Beschluss mit Brief und Siegel. Ich bin eine staatlich geprüfte Frau, welche andere Frau kann das schon von sich behaupten?

 

Warum ich das so betone? Manche Menschen scheinen das nicht zu verstehen. Sie verstehen nicht, dass Geschlecht viel mehr ist als das, was zwischen den Beinen baumelt oder eben nicht baumelt. Und niemand – kein Mensch dieser Welt – hat das Recht zu hinterfragen, geschweige denn zu kontrollieren, was ich zwischen den Beinen habe.

 

Ich bin eine Frau und ich kenne genau so wie viele andere Frauen die Probleme des Patriarchats, die sexualisierte verbale und körperliche Gewalt und die Diskriminierung im Beruf oder auch im Alltag.

 

Gerade ich habe am eigenen Leib erfahren wie unterschiedlich Männer und Frauen im Alltag und im Beruf behandelt werden. Ich habe durch meine Transition einen sozialen Abstieg vollzogen, den auch ich deutlich gemerkt habe.

 

Ja, auch ich habe damals laut #metoo mit geschrien, denn ich wurde bereits zwei Mal vergewaltigt. Jedes Mal sehr brutal von weißen, deutschen Männern.

 

Der Internationale Frauentag wurde 1911 in der Weimarer Republik und drei Jahre vor dem ersten Weltkrieg ins Leben gerufen um die Gleichstellung von Frau und Mann zu erreichen. Es ging damals vor allem um das Frauenwahlrecht.

 

Aber es ging natürlich auch noch um viel mehr als das.

 

Es ging auch damals schon um die sexualisierte Gewalt an Frauen. Es ging auch damals schon um die soziale und berufliche Gleichstellung von Frauen und es ging auch damals schon um gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

 

Auch heute noch, im 21. Jahrhundert, sind Männer und Frauen eben nicht gleich. Und trans Frauen schon mal gar nicht!

 

Seit 1949 haben wir in Deutschland unser Grundgesetz!

 

Darin steht in Artikel 1 geschrieben:

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

 

Artikel 2 sagt:

 

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

 

Und Artikel 3 unseres Grundgesetzes sagt:

 

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

 

Und doch…..

 

Und doch ist es auch heute noch – im 21. Jahrhundert – völlig normal, Frauen aufgrund ihres Frau Seins und ihres weiblichen Körpers zu diskriminieren, zu schlagen, zu vergewaltigen oder gar zu ermorden, weil irgendein Mann sich in seiner Ehre verletzt fühlt – und der Frau dann sogar noch die Schuld dafür zu geben!

 

Letztens wurde eine Frau von der Polizei aus einem Park geworfen, weil sie es gewagt hatte, sich Oben-Ohne zu sonnen, während alte, fette Männer mit noch größeren Brüsten sich dort Oben-Ohne in der Sonne wälzen durften!

 

Der weibliche Körper wird sexualisiert und von den Männern als lohnenswerte Trophäe angesehen.

 

Auch heute noch dürfen Frauen nicht auf die Straße gehen, ohne Gefahr zu laufen, als Sexobjekt betrachtet, betatscht oder gar vergewaltigt zu werden.

 

Es gibt eine Umfrage der EU-Kommission von 2016 in der Menschen aus der ganzen EU gefragt wurden ob eine Frau selbst schuld sei, wenn sie vergewaltigt wurde.

 

27% Prozent aller EU-Bürger fanden es gerechtfertigt dass eine Frau vergewaltigt wurde, wenn sie betrunken oder auf Drogen war, wenn sie jemanden mit zu sich nach Hause genommen hat, wenn sie sexy angezogen war oder wenn sie in der Vergangenheit schon mehrere Sexualpartner gehabt hatte!

 

Das ist jeder vierte EU-Bürger! Das kann Dein direkter Nachbar sein, der das gerechtfertigt findet, Dein Arbeitgeber oder Kollege, oder sogar Dein bester Freund!

 

Auch heute noch, in dieser modernen und aufgeklärten Zeit, scheint es völlig normal zu sein, den Frauen die Opferrolle zu entziehen und den Tätern angedeihen zu lassen in dem man sagt: „Der kann doch nichts dafür. Hätte sie sich mal nicht so sexy angezogen!“

 

Und das ist nicht mal nur in der allgemeinen Bevölkerung so. Nein!

 

Ein Frauenvergewaltiger bekommt mildernde Umstände und eine Haftstrafe auf Bewährung, wenn er besoffen war oder wenn die Frau nicht deutlich genug „Nein“ gesagt hat!

 

Statistisch gesehen kommt auf eine von 20 Frauen mindestens eine Vergewaltigung!

 

Über 100.000 Frauen werden jedes Jahr Opfer von Gewalt in der eigenen Partnerschaft! Sie werden geschlagen oder sogar ermordet. Und die Dunkelziffer gerade bei häuslicher Gewalt ist sicherlich locker mehr als doppelt so hoch, weil sich die meisten Frauen nicht trauen dagegen zu wehren oder dem zu entfliehen.

 

Aber wir haben nicht nur das Grundgesetz!

 

Seit 2006 haben wir sogar ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz. Im Volksmund auch Antidiskriminierungsgesetz.

 

Dieses Gesetz besagt, dass niemand aus Gründen der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt werden darf.

 

Zwei Gesetze, die offenbar nichts gelten. Zwei Gesetze, darunter unser Grundgesetz, die ständig, überall missachtet werden! An die sich kaum jemand hält!

 

Als transgeschlechtliche Frau wie ich eine bin, ist es sogar noch krasser. Denn auch wenn es niemand zugeben will, sind wir für die meisten Männer sogar ein sexueller Fetisch. Wir sind etwas das man unbedingt mal ausprobiert haben muss. Wir sind Freiwild im Jagdbereich des Mannes.

 

Als ehemalige Sexworkerin kann ich Euch sagen, als transgeschlechtliche Frau verdient man locker doppelt so viel als andere Sexworkerinnen.

 

Allerdings würde ich den anwesenden Herren jetzt nicht unbedingt empfehlen, diesen schweren Weg der Transition und der Geschlechtsangleichung zu gehen. Obwohl, vielleicht hilft das ja beim Umdenken – ganz sicher täte es das sogar!

 

Aber das ist auch wieder so eine Sache: Die körperliche Selbstbestimmung der Frau! Warum darf eine Frau nicht über ihren eigenen Körper selbst entscheiden? Sei es das Thema Prostitution oder das Thema Schwangerschaftsabbruch.

 

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland gemäß § 218 Strafgesetzbuch (StGB) immer noch grundsätzlich für alle Beteiligten – mit Ausnahmen – strafbar.

 

Bis 2002 galt Prostitution als sittenwidrig. Das hörte endlich auf, als das Prostitutionsgesetz in Kraft trat. Heute diskutieren alte, weiße Männer wieder darüber, Prostitution grundsätzlich zu verbieten!

 

Statt dass man der Frau die Selbstbestimmung über sich und ihren Körper zuspricht und etwas gegen die Zwangs- und Kinderprostitution und die furchtbaren Arbeitsbedingungen unternimmt, will man die Prostitution wieder verbieten. Als würde sich dadurch etwas an der Zwangs- oder Kinderprostitution ändern.

 

Als Frau mit transgeschlechtlicher Vergangenheit kann ich über Selbstbestimmung ein Liedchen singen. Denn wir können auch nicht selbstbestimmt leben. Wir dürfen nicht selbstbestimmt leben.

 

Nicht nur dass uns das in der Öffentlichkeit von jedem Menschen dem wir begegnen mehr als deutlich gesagt und gezeigt wird, denn der Hass der uns auf der Straße entgegen schlägt, ist mehr als deutlich zu spüren – Ja, auch hier und jetzt. Nicht nur dass wir jeden Tag fürchten müssen, verbal oder körperlich angegangen zu werden.

 

Gerichte, Gutachter und Psychologen entscheiden über unseren Kopf hinweg, ob wir Mann oder Frau sind. Sie entscheiden, welches Geschlecht ich habe.

 

Aber wisst ihr was das Schlimmste daran ist?

 

Es ist nicht die Tatsache, dass ich durch die Hormonersatztherapie meinen Hormonhaushalt völlig durcheinander bringe oder durch die mehreren, schweren geschlechtsangleichenden Operationen meinen Körper zerstöre. Es ist nicht die soziale Ausgrenzung, das Anstarren, der Hass oder die verbale und körperliche Gewalt die ich jeden Tag und überall erleben muss. Es ist nicht der Verlust von Familie, Freunden oder Ehepartner, weil sie mit mir und meiner Transition nicht zurecht kommen. Es ist nicht die fehlende Selbstbestimmung oder das Gieren mancher Männer, weil sie mich als Fetisch betrachten.

 

Nein, das ist nicht das Schlimmste.

 

Das Schlimmste ist: Als transgeschlechtliche Frau sei ich keine Frau. Ich sei ein, als Frau verkleideter, pädophiler, Frauen vergewaltigender Kerl der das nur mache, um möglichst leicht in Frauenschutzräume wie Damentoiletten eindringen zu können. Jedenfalls wird das immer und immer wieder behauptet.

 

Das Schlimmste ist, dass vor allem andere Frauen so etwas über mich behaupten.

 

Für viele Frauen – aber auch Männer – bin ich das wohl. Warum? Ich weiß es nicht. Als hätte ich nicht genug mit mir selbst, mit meinen Depressionen und meinen Traumata, mit meinem Körper und meinem eigenen Geschlecht zu kämpfen. Niemals würde ich einer anderen Frau so etwas antun, was ich selbst erleben musste.

 

Und selbst wenn ich wollte, ich könnte nicht, denn mir fehlt nach den geschlechtsangleichenden Operationen das nötige Zubehör.

 

Statt dass wir Frauen uns zusammen schließen und gemeinsam gegen das Patriarchat und die sexuelle verbale und körperliche Gewalt, gegen die Sexualisierung, gegen den Gender Pay Gap, die häusliche Gewalt an Frauen und für die Gleichstellung kämpfen, zerfleischen wir uns gegenseitig und machen uns unsichtbar.

 

Heute, am internationalen Kampftag der Frauen habe ich einen großen Wunsch.

 

Ich habe den Wunsch, Freundinnen zu haben. Ich habe den Wunsch zusammen mit anderen Frauen gemeinsam aufzustehen und für unsere Rechte als Frau zu kämpfen! Ich habe den Wunsch gemeinsam mit allen anderen Frauen, völlig egal ob sie hetero, lesbisch oder bi sind, völlig egal ob sie evangelisch, katholisch, muslime, blond, rothaarig oder brünett sind, völlig egal ob sie transgeschlechtlich, intergeschlechtlich oder cisgeschlechtlich sind, mit allen Frauen gemeinsam zu kämpfen, zusammen zu stehen, aufzustehen und laut heraus zu schreien:

 

„Nieder mit dem Patriarchat! Gebt uns endlich unsere Selbstbestimmung, unsere Würde und unsere Gleichstellung! Und hört auf, uns weh zu tun!“

 

Danke

 

 


Das Titelbild steht unter einer Creative Commons Lizenz und darf so verwendet werden. Credits:
no bias — קיין אומוויסנדיקע פּרעפֿערענצן — keyn umvisndike preferentsn, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

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